Wie haben wir das nur geschafft?

Er sitzt im Hochstuhl, steckt sich den Fuß in den Mund, schaut mich an und prustet lachend…

„Wie haben wir das nur geschafft?“ denke ich mir.

Das denke ich mir sehr oft, wenn ich meine Kinder anschaue.

„Du isst wie ein Schwein.“ sage ich ihm.

Er schaut mich an, lächelt breit und pupst.

„Alles richtig gemacht.“, sage ich zu mir.

Er steht. Er zieht sich hoch. An fast allem.

Er robbt. Er krabbelt. Er geht auf allen vieren.

Er hält uns auf Trab.

Uns drei.

Der Eine.

Zähne? Sind da. Ja. Man merkt sie auch. Sofort. Meistens abends. Geschrei und Geheule.

Gerne würde ich ihm das ersparen, abnehmen. Geht nicht.

Nun kann er beißen. Fehlen aber noch ein paar. Für Nudeln, Äpfel und Co., reicht es aber völlig.

Auch für Finger. Draufbeißen und sich freuen. Macht er gerne. Tut auch kaum weh.

Besonders geschickt ist er einhändig an meiner Smartwatch.

Wendet Shortcuts an, die ich noch nicht kannte.

Verstellt die Zifferblätter und wendet Apps an.

Frühkindliche Technikerziehung.

Wer weiß jetzt schon, welche Technik er mal täglich benutzen werden wird?

Wir werden es wahrscheinlich als unnötig und neumodischen Kram abtun. Anfänglich.

Es dann aber doch auch selber nutzen.

So wie die Älteren als wir die „Early Adopter“ waren.

„Neumodischer Kram, braucht man nicht, unnötig, wird sich nicht durchsetzen.“

Worte, die wie Hohn klingen, aber doch von den älteren Generationen oft gebraucht werden.

Wer braucht denn schon ein Smartphone?

Und das täglich?

Mit WhatsApp drauf?

Streamen? Bitte was? Geht das auch auf Deutsch?

Und Google?

Amazon?

Dinge online bestellen?

Ich gehe selbst ins Geschäft und probiere vor Ort an/aus.

Haha.

Jaa.

Nunja.

Er sitzt immer noch im Hochstuhl. Zernagt ein Stück Vollkorntoast.

Strahlende Augen. Beschäftigte Fingerchen. Ich schaue ihm interessiert zu.

Es ist sonst so schnell vorbei.

Beim Zweiten geht alles schneller.

Einfacher.

Das Genießen der gemeinsamen Zeit ist aber intensiver. Man hat ja alles schon mal erlebt.

Und viele Dinge ausprobiert. Man ist entspannter. Etwas weiser.

Das macht den Unterschied.

Die lauten Phasen sind immer noch laut.

Die stressigen Phasen immer noch stressig.

Die seichten Phasen aber sind seichter.

Nicht schöner als beim Ersten.

Nur entspannter.

Sein Toast ist verschwunden. „Toll!“, sag ich zu ihm. Und bin stolz, dass er schon so gut essen kann.

Er steckt alles in den Mund.

Seine Fingerchen sind flink. Können alles aufheben. Und da liegt die Gefahr.

Was schon alles im Mund gelandet ist.

Wahnsinn.

Zur Babyzeit des Bruders gab es weitaus weniger Spielzeug.

Also auch weniger Kleinzeug, dass hätte im Mund verschwinden können.

Wir geben acht. Aber nicht immer sind wir schnell genug.

Und er hat Zähne.

Fälschlicherweise im Mund gelandete Gegenstände wieder aus selbigem zu entfernen ist nicht so leicht. Und wer gibt schon freiwillig seine Beute frei?

Als ich ihn aus dem Hochstuhl nehme, fällt mir das zerfledderte Toast entgegen.

„Hmm, zu früh gefreut.“ denke ich, und befreie ihn von seinen Krümeln.

Bevor ich ihn auf den Boden setze.

Er schaut sich um und krabbelt zielgerichtet auf die Legokiste seines Bruders zu.

„Nein, nein.“, entfährt es mir.

„Quatsch, er kann noch nicht reden.“, überlege ich.

Er dreht sich zu mir um und brabbelt mir was zu.

„Vielleicht kann er es doch.“, denke ich.

Und halte ihn von der Kiste ab, während ich nach was Anderem zur Ablenkung für ihn suche.

Er ignoriert mich, krabbelt zum nächsten Stuhl um sich an ihm hochzuziehen.

Er dreht sich zu mir um, grinst und sabbert.

Greift nach meiner Hand und brabbelt mir wieder was zu.

Ich lächle.

Und genieße.

Wie haben wir das nur geschafft?

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